Berlin, 03.03.2016

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,

wie Sie aus unserer Absenderadresse leicht erkennen können, wohnen wir in Berlin, im Stadtbezirk Köpenick und zwar im Ortsteil Müggelheim. Einer der Ortsteile, bei dem die Menschen bei der Flughafen- und Schallschutzplanung ein wenig vergessen wurden. Wir liegen genau in der Einflugschneise, Überflughöhe ca. 500 bis 600 Meter. Müggelheim hat etwa 6.000 Einwohner. In den Sommermonaten kommen noch mindestens 5.000 bis 15.000 Menschen als Wochenendler, Urlauber, Touristen sowie Badegäste hinzu. Sie müssten also bei einem Unfall kurzfristig(!) 20.000 Menschen evakuieren!

In unserem Ort erscheint seit Jahrzehnten monatlich ein kleines Blättchen, genannt „Müggelheimer Bote“. Wir beabsichtigen, in diesem Boten den für Müggelheim vorgesehenen ausführlichen verbindlichen und genehmigten Evakuierungsplan zu veröffentlichen. Einen, wie er in jedem anständigen Betrieb gesetzlich vorgeschrieben ist. Und bitte nicht auf dem Niveau „dann fahren sie einfach los in Richtung Berlin, wenn sie durch dichten Qualm daran gehindert werden bitte im Schritttempo und behindern sie nicht die Rettungsmaßnahmen“. Wenn Sie sich den sicherlich in Ihrer Amtsstube aushängenden Lageplan von Berlin ansehen, werden Sie leicht feststellen, dass Müggelheim von Wald umgeben ist. In den Ort führen 2 Straßen – Müggelheim ist gewissermaßen ein „Durchgangsdorf“: Zwar historisch wertvoll und unter Denkmalschutz, aber von der Dorfsanierung seit Jahrzehnten ausgeschlossen. Eine der Zugangsstraßen führt nach Gosen Richtung Autobahn zum Berliner Ring über eine geschwindigkeitsbeschränkte, weil einsturzgefährdete marode Brücke. Die andere Straße durch den Wald nach Köpenick.

In den letzten Jahren häuften sich die Zeiten, in denen wegen der zu hohen sommerlichen Temperaturen die höchsten Waldbrandwarnstufen ausgerufen wurden. Bei möglicherweise durch Flugzeugunfall hervorgerufenen Flächenbränden bleibt den Müggelheimern und Gästen also nur der Fluchtweg über diese beiden unzureichenden einspurigen Straßen, auf denen ihnen auch noch die Lösch- und Rettungsfahrzeuge entgegen kommen werden (die Brücke nach Gosen soll im Zuge der möglichen Erneuerung ohne Ersatzbrücke gebaut werden). Die noch vorhandene per Ruderboot betriebene Fähre dürfte wohl ausscheiden.

Da wir direkt unter der Einflugschneise liegen, ist die Möglichkeit eines Flugzeugabsturzes und damit eines Flächenbrandes aus unserer Sicht durchaus gegeben. Sie werden jetzt sicherlich argumentieren lassen, dass wissenschaftlich bewiesen ist, diese Gefahr steht im Verhältnis 1 zu unendlich, ist also praktisch gar nicht vorhanden oder vernachlässigbar gering ist. Wir möchten aber als Mensch und sicherlich auch meine Miteinwohner nicht als „vernachlässigbar gering“ eingestuft werden.

Aus diesem Grunde schicke ich Ihnen die von den Berliner Flughäfen ausgegangenen Flugzeugunfälle:

Flughafen

Datum

Vorkommnis

Modell

Berliner Reichstag

2005-07-22

Absturz

Ultraleichtflugzeug

Johannisthal

1995-09-09

Absturz

Messerschmitt 108

Mariendorf

1967

Absturz

US-Hubschrauber

Schönefeld

1972-08-14

Absturz

IL 62

Schönefeld

1986-12-12

Absturz

TU 134

Schönefeld

1989-06-17

Absturz

IL 62

Schönefeld

2010-06-18

Beinaheabsturz

Rosinenbomber DC-3

Schönefeld

2014-03-18

Vogelschlag (Rückkehr)

Israel. Boing 737

Schönhagen

1995-12-08

Absturz

Hubschrauber

Stößensee

1966

Absturz

Sowj. Kampfjet

Tegel

1999-04-12

Absturz

Hubschrauber

Tegel

2012-11-25

Rückkehr

Airbus

Tempelhof

2001-05-24

Absturz

Beechcraft

Dazu kommen noch die beiden Beinaheunfälle durch von Flugzeugen herabfallende Eisbrocken (mit 15 Kg aus 500m Höhe) in unserem Ort, und zwar am 13.03.2014 und 26.01.2016. Es ist „nur“ Sachschaden entstanden, das Ergebnis hätte aber auch die Kindertagesstätte oder Schule mit mehren toten Kindern sein können!

Hier einen öffentlichen ungeschützten und frei zugänglichen unüberdachten Spielplatz gebaut zu haben, der ohnehin schon mit Flugzeugdreck zugeschüttet wird, grenzt schon an Schizophrenie. Weshalb man auf diesem Platz dann noch unbedingt Kiefern statt alter Alleeobstbäume pflanzen musste, kann wohl nur damit begründet werden, dass der „Auftraggeber“ nicht die 50 Schritte bis zum nächsten Kiefernwald geschafft hat.

Bei dem Schaden durch Eisbrocken sieht sich die Flughafengesellschaft selbst sich nicht in der Haftung, will aber die entsprechende Airline kontaktieren (das ist in etwa, als gäbe ich meinen Autoschlüssel einem Minderjährigen, der verursacht einen Unfall mit Personenschaden und ich kontaktiere ihn danach). Fakt, ein Sachschaden ist entstanden und der muss ersetzt werden, sagt ein Herr Wagner (Pressesprecher). Solche Vorfälle würden allerdings sehr selten passieren, heißt es sowohl von der FBB als auch in einem Merkblatt des Luftfahrt-Bundesamtes. Seltsam nur, dass es bereits das zweite Mal in kurzer Zeit in Müggelheim passierte. Auf das damalige Ereignis schrieb selbiger Pressesprecher per Mail an die Bürgerinitiative Müggelheim (BIM): "Anerkannte Untersuchungen haben ergeben, dass es sich hierbei um ein „extrem seltenes Phänomen“ handelt. Die Wahrscheinlichkeit wird mit zwei Verdachtsfällen pro Jahr bei drei Millionen Flugbewegungen angegeben."
Nur zur Auffrischung: Bewilligt sind beim BER 360.000 Flugbewegungen pro Jahr – macht also 2 Unfälle alle 8,3 Jahre oder alle 4 Jahre ein Unfall, mit dem der Tod von Menschen billigend in Kauf genommen wird?
Ich rede hier nicht von der „Bagatelle“, dass ich ganzjährig auf meinem Grundstück anwesend sein muss, um jederzeit auf die Minute genau feststellen zu können, von welchem Flugzeugtyp sowie Modell und möglichst noch von welcher Fluggesellschaft ich eventuell Schadenersatz bekommen könnte. Falls wir doch mal einkaufen oder gar im Urlaub sind und den getauten Eisbrocken nicht mehr als Beweisstück präsentieren können, fällt das wahrscheinlich unter allgemeines Lebensrisiko?!
Nur wenn jemand erschlagen aufgefunden wird, könnte man – aber auch nur eventuell – von einem kleinen harmlosen Unfall ausgehen. Werden wir hier in unserem Ort vielleicht als Kollateralschaden behandelt? Wer stellt sich endlich seiner Verantwortung? Oder beginnt das Nachdecken über den falschen Standort (Feststellung von Ihnen – leider ohne Konsequenz im Handeln!) erst nach einem so schweren Unfall wie damals in München? Es verpflichtet Sie niemand, diesen Standort in Schönefeld bedingungslos durchzupeitschen. Für die zuletzt beantragen 2,2 Milliarden könnte ein völlig neuer umweltverträglicher Standort betrieben werden (zur Erinnerung: der BER sollte mal 1,7 Milliarden kosten).

Ich habe mich an Sie gewandt, da Sie in der Nachfolge von Herrn Wowereit als Aufsichtsratsvorsitzender diesen Flughafen an diesem Ort zur Chefsache erklärt haben und sich damit vollinhaltlich mit dieser Gefährdung einverstanden erklären.

Noch ein Hinweis zu den beiden neueren Unfällen durch Vogelschlag:
In der Region um Schönefeld ist das Gefährdungspotenzial schon jetzt etwa 3mal so hoch wie in Tegel. Wird der gesamte Flugverkehr nach Schönefeld exportiert und expandiert dabei wie beabsichtigt durch niedrigste Gebühren für Billigairlines,
ist etwa mit dem Unfallfaktor 10 zu rechnen. Aber das wissen Sie ja alles und auch deshalb bleibt es bei Schönefeld! Bei den eingangs zitierten Unfällen erscheint hauptsächlich der Standort Schönefeld – vielleicht wurde dieser Standort deshalb favorisiert, weil die Menschen in der Umgebung schon mehr Erfahrung mit derlei Geschehnissen haben?

Wir schätzen Ihre Arbeit durchaus positiv ein (bis auf die paar Kleinigkeiten der Flüchtlingsproblematik, die Arbeit des LAGeSo, die Wartezeiten bei den Bürgerämtern, die Schonung Ihres Koalitionspartners, vielleicht noch der tägliche Zusammenbruch des Verkehrs auf der Stadtautobahn, die unzureichende Versorgung mit Krippenplätzen, allenfalls noch die nicht Enden wollende Kriminalität der Drogenszene mit einigen wirkungslosen Polizeimaßnahmen, die maroden Straßen und die kleinen anderen Probleme, abgesehen vom zu geringen Sozialwohnungsbau in der Stadt und noch einigen anderen hundert Kleinigkeiten)! – aber sonst geht es.

Gerade durfte Herr Platzeck vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Wie erwartet, plötzlicher Gedächtnisverlust genau des Teiles des Gehirns, in dem die Daten für den BER gespeichert waren. Seltsam nur, dass es bei Stolpe und Wowereit (alle SPD), Körtgen, Schwarz und Kunkel genau so war. Ich hoffe, das wird bei Ihnen anders sein. Man darf sich gar nicht vorstellen, dass dieses Aussetzen eines Teiles des Gehirns schon während der Amtszeit eingetreten ist. Eventuell eine Erklärung für das Verhalten „Augen zu und durch beim BER-Bau“. Demnach müssten bei Führungskräften, die mit Steuermilliarden um sich schmeißen, wenigstens halbjährlich vereidigte Amtsärzte entsprechende Gutachten erstellen. Ein todkranker Mann wie Herr Platzeck kann aber anderseits als Mediator in Dauerbeschäftigung auftreten. Meine Krankenkasse würde das als Kranksein mit Nebenberuf bezeichnen. Bizarr nur, dass alle diese SPD-Führungskräfte immer massiv gegen den Standort waren – nach Posteneinnahme aber urplötzlich dafür.
Dieser Flughafen stellt die größte Bedrohung für Hunderttausende in Bezug auf körperliche Unversehrtheit und Verlust des Eigentums dar. Ursprünglich durch das Grundgesetz verfassungsmäßig geschützt. Anscheinend betrachten einige Politiker dies jedoch nicht als „Gesetz“, sondern nur als nicht unbedingt einzuhaltende „Empfehlung“!
Die Wahlen stehen bevor und wir können leider nur eine Partei ausfindig machen, die die Sinnlosigkeit dieses Standortes eingesteht und nicht weitermachen will. Eventuell sehen das die Lärmopfer ebenso. Denkbar ist, dass gerade diese Partei bei den nächsten Wahlen die Geschädigten vertritt?
Wie äußerte sich mein SPD-Abgeordneter Herr Tom Schreiber: „Bei mir ist es auch laut“. Beim besten Willen, diese Geisteshöhe kann man nicht wählen.

2/3

Schon mitbekommen? Gerade schmiert die Aktie von AirBerlin ab und liegt nur noch bei 70 Cent – waren die nicht mal als Hauptgeldeinbringer für den BER vorgesehen? Unter dem Motto: Ohne AirBerlin hätten wir den ganzen Flughafen ja nicht zu bauen brauchen? Falls die FBB jedoch der Fluglinie Ryanair kostenlose Landerechte einräumt, kompensieren die das schon – dann wird die irische Fluglinie eben Deutschlands zweitgrößter Carrier.
Dafür kursiert im Internet das Gerücht, das der BER an die Börse gebracht werden soll. Ausgabepreis so um die 100 Euro. Die Flughafengesellschaft veröffentlicht seit Jahren nur klasse Gewinnvorhersagen, die auch ungeprüft und unwidersprochen durchs Brandenburger Parlament und den Berliner Senat gehen. Daher wird mit einer großen Nachfrage gerechnet und die Ausgabemenge soll quasi als „Volksaktie“ auf 10 Stück beschränkt sein. Da werd´ ich doch mal versuchen, mich für die zu erwartenden Gewinnchancen anzumelden.
Wie war das noch mit dem Mann, den kiloweise Briefmarken für 70 Cent kauft und für 60 Cent verkauft?
Danach gefragt, wo denn sein Verdienst bliebe, kam prompt die Antwort: Die Menge macht es!
Erinnert mich irgendwie an die Logik der Flughafenbetreiber.

Um zu Schluss zu kommen, wir können Ihre Arbeit nicht beurteilen, sondern bekommen nur die Auswirkungen zu spüren. Dafür dürfen Sie aber die gesundheitsschädigenden Auswirkungen ohne Prüfung abschätzen. Wie war noch mal Ihr letzter Spruch. „Berlin ist nun mal eine laute Stadt und wem das nicht passt, der soll doch nach Meck.-Pomm. ziehen“. Berlin ist auch eine schmutzige und krank machende Stadt und der Flugverkehr trägt dazu in überragendem Maße bei!

Was soll die scheinheilige Umweltdiskussion? Auf Rekordzahlen der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) ist Verlass. Im Januar starteten und landeten mehr als zwei Millionen Passagiere in Tegel und Schönefeld. Das ist ein Plus von 12,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Eine Erfolgsgeschichte, auch ganz ohne BER. Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Berlin (BUND) steht diese Entwicklung aber in keinem Verhältnis zu ihren negativen Folgen für Mensch und Umwelt. Im seinem am Montag vorgestellten "Luftverkehrskonzept Berlin Brandenburg" fordert der Verband eine drastische Senkung des Flugverkehrs.
Die Rechnung: Nur 0,2 Prozent der Wege werden per Flugzeug zurückgelegt, gleichzeitig ist der Luftverkehr für mehr als 40 Prozent der Verkehrsemissionen verantwortlich. So können die Klimaziele des Berliner Senats nicht erreicht werden! Der BUND fordert daher einen Verzicht auf den geplanten Ausbau des BER und einen Ersatz von bis zu 55.000 Flügen pro Jahr durch Zugverkehr. Damit soll besonders die Zahl der innerdeutschen Flüge, die in Berlin rund die Hälfte aller Verbindungen ausmachen, verringert werden. Auch eine Kooperation mit dem Flughafen Leipzig-Halle müsse in Betracht gezogen werden.
Durch die Steigerung des Flugverkehrs führen Sie selbst jegliche Klimadiskussion ad absurdum. Es ist sinnlos, einerseits Umweltstandards (z.B. Grüne Plakette) durchzupeitschen und anderseits gesundheitsschädigende Feinstaubemissionen per Wind und Flugrouten über der Stadt zu fördern und noch stolz darauf zu sein, dass dieser Verkehr ständig wächst.

Des Öfteren erleben wir, dass Rettungshubschrauber minutenlang einen geeigneten Landeplatz suchen müssen. Es kommt auf jede Minute an und endlos viele Plätze gibt es bei uns nicht. Weshalb werden den Piloten nicht per Handbuch bzw. uns durch Schilder geeignete Landeplätze ausgewiesen?

Und noch ein Wunsch:
Sie ließen unseren letzten Brief vom Juli vergangenen Jahres freundlich aber nichtssagend beantworten. Die Antwort in diesem Stil erweckte in uns den Anschein, als hätte ihn ein Azubi im ersten Lehrjahr aus vorgegeben Textbausteinen schon selbstständig zusammenstellen dürfen – bei der Ernsthaftigkeit dieser „Angelegenheit“ bitte ich doch um etwas mehr Niveau im Antwortschreiben!

Auf die hier aufgeworfenen Fragen brauchen Sie nicht zu antworten – die Antworten kennen wir schon!
Wir erbitten die Unterlagen (Evakuierungs-, Notfallmaßnahmeplan, etc.) zur baldigen Verfügung zwecks Veröffentlichung.
Unseres Erachtens dürfte es keinerlei Probleme bereiten uns diese zu übermitteln, denn wie in jedem gut geführten Unternehmen müssen sie frei für jedermann zugänglich sein! Mal salopp gesagt, wo Ordnung herrscht, braucht nur die Schublade aufgemacht zu werden. Bitte schreiben Sie mir nicht, das wären betriebsinterne Unterlagen unter Geheimverschluss.
Sollten Sie meiner Bitte nicht nachkommen können bzw. sich nicht für zuständig erklären und diese Unterlagen über die Flughafengesellschaft anfordern müssen, erbitte ich einen kleinen Zwischenbericht mit Terminangabe.
Jedoch, der nächste Sommer steht bevor! Deshalb erwarte ich die vom Bauamt geprüften und bestätigten Evakuierungspläne zur Veröffentlichung (was eigentlich eine Sache des Senats ist) gegen Ende des Monats bzw. eine Mitteilung, an wen die Verantwortung weitergeleitet wurde, ohne dass wir erst einen Volksentscheid herbeiführen müssen!
Da dieser Brief als offener Brief ausgeführt wurde, den Sie ohnehin nicht beantworten, brauchen Sie also nur kurzfristig die Unterlagen zu schicken.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen u. Barbara Nentwich
Gersweilerstr. 3
12559 Berlin

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