Offener Brief an die Bürgerinitiativen

Jeder Anwesende spürte, dass gerade etwas Großartiges gelungen war:
26.000 Menschen schlossen die Kette um den Müggelsee, Hand in Hand,
Berliner wie Brandenburger, oft Fremde und doch meist Freunde. Ein
Rekord war es, ganz ohne Zweifel. Rekordverdächtig, dass die vielen von
Fluglärm betroffenen Gemeinden nicht länger das Trennende sehen, sondern
gemeinsam eine breite Front für Menschlichkeit und Wahrheit bildeten.

Ja, die Berliner und Brandenburger haben ein starkes Zeichen gesetzt und
eine Ahnung davon entwickelt, was möglich werden könnte. Dieser Protest
hatte eine zutiefst demokratische Legitimation, denn zu offenkundig
wurde der Bürger zu Lasten seiner verfassungsgemäßen Rechte
ausgetrickst,- um ein harmloses Wort zu benutzen.

Gleichwohl wird die alleinige Frage hinsichtlich des Fluglärmes in der
Breite oft noch zu kurz gedacht. Und auch die folgerichtige
Positionierung zum geeigneteren Standort ist nicht die einzige
Konsequenz, die es zu ziehen gilt. Es sind eben nicht nur die Emissionen
von Flugzeugen an sich problembehaftet, auch die schiere Masse von
Flügen mit all ihren negativen Auswirkungen gilt es kritisch zu
hinterfragen.

Und da fängt es im Kleinen an: Äpfel aus Neuseeland, Honig aus
Brasilien, Wein aus Chile, Kartoffeln aus Ägypten, Tomaten aus Marokko.
Produkte im heimischen Supermarkt haben oft aberwitzige Weltreisen
hinter sich, auf Grund ihrer Verderblichkeit natürlich vornehmlich per
Flugzeug. Ich nenne bewusst und beispielhaft Lebensmittel, die der
Verbraucher in mindestens gleicher Qualität auch aus deutscher
Produktion, wenigstens aber aus dem europäischen Raum beziehen kann.
Auch preislich gesehen, braucht sich der heimische Apfel oder die
märkische Kartoffel meist nicht vor der Konkurrenz aus Übersee zu
verstecken. Diese Liste ließe sich mit anderen Produkten nahezu endlos
fortsetzen...

Im Klartext bedeutet das: Bewusstes Einkaufen ist toll für unsere
Umwelt, fördert die deutsche/europäische Wirtschaft (und damit unterm
Strich mehr Arbeitsplätze als die Luftfrachtindustrie) und, jetzt kommt
der Clou... Kluger Konsum reduziert massiv die Flugzeuge über unseren
Köpfen! Und das völlig unabhängig davon, wo die Maschinen nun im
Einzelnen starten oder landen. Der Konsument in jedem von uns hat also
die Macht, die Expansionsträume unserer Politiker und anderer
BER-Fantasten spürbar einzudampfen!

Ein weiterer Ansatz ist, die Einstellung zum Fliegen an sich zu fassen
und das Bewusstsein für das Reisen im Allgemeinen zu schärfen. Die
Reisefreiheit ist eine großartige Errungenschaft, entbindet den
Einzelnen indes keineswegs von der Verantwortung, diese bewusst im
Einklang mit der Sozialgemeinschaft und Umwelt auszuüben. Es gibt keine
grenzenlose Freiheit und schon gar kein Recht auf Exzess zu Lasten
vieler anderer Menschen. Um es exemplarisch darzustellen: Müssen
massenhafte Abiturfeiern per Billigflieger auf Mallorca stattfinden? Ist
der Flug zum Kurz-Shopping nach London oder Paris durch irgendetwas zu
rechtfertigen? Nimmt sich der eine oder andere Business-Typ nicht etwas
zu wichtig, wenn Meetings im Stundentakt an verschiedenen Orten Europas
stattfinden? Und kommt man nicht mit der Bahn meist bequemer,
ökologischer und oft genauso schnell ans Ziel? Innerdeutsche Flüge etwa
sind doch allenfalls noch durch skrupelloses Preisdumping der Airlines
zu Lasten von Mensch und Umwelt trag- aber keineswegs
gesellschaftsfähig.

Wir alle haben doch folgendes Argument schon zigfach gehört: „Aber
Fliegen wollt ihr doch auch.“ Ich sage dazu: „Ja! Aber nicht um jeden
Preis und nicht zu jedem beliebigen Anlass!“ Die Anti-Fluglärmbewegung
täte gut daran, auch Positionen gegen einen immer stärker wuchernden
Flugverkehr als solches zu erarbeiten und so den ewig gleichen
St.-Florians-Vorwurf argumentativ zu entschärfen. Es geht nicht um die
alljährliche Urlaubsreise der hart arbeitenden deutschen
Durchschnittsfamilie, sondern um immer sinnfreiere Billigflüge als
exzessives Massenphänomen. Zu Lasten der Umwelt im Allgemeinen und der
direkt betroffenen Menschen im Besonderen. Es mag ein Recht auf
Reisefreiheit geben, was aber längst nicht einen Anspruch auf
Billigflüge und die Verletzung von Grundrechten Anderer beinhaltet.
Ökologisch und sozial schadhaftes Verhalten muss auch einen Ausgleich
schaffen können und dieser Ausgleich ist derzeit nicht sichtbar.

Durch eine unzweifelhaft ökologische und auf Sozialadäquanz zielende
Argumentation können sich Fluglärmgegner eine moralische Legitimation
einholen, die ihnen bisher -mitunter nicht unberechtigt- von ihren
Kritikern abgesprochen wurde. Zudem trifft sie in einem viel
umfänglicheren Maße den Nerv breiter Bevölkerungsschichten und den
Zeitgeist im Sinne eines bewussteren Umganges mit der Umwelt, als wenn
es ausschließlich um eine regionale Standortfrage oder gar nur um
schnöde Flugrouten im Kiez-Klein-Klein ginge.

Wie im Übrigen auch mit Blick auf ein bundeseinheitliches
Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, kann dieser Protest nur dann eine
nachhaltig wirksame Dimension entfalten, wenn er sich aus dem Mief der
Provinzialität befreit und seine Stoßrichtung auch auf die
bundespolitische Ebene ausweitet. Die zügige Vernetzung mit den
einzelnen Anti-Fluglärm-Bewegungen in anderen betroffenen Bundesländern
zur Formulierung von einheitlichen Positionen ist die weiter gedachte
Konsequenz.

Euer
Andini Dinidoff

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