Nun hat der Aufsichtsrat bis in die Nacht getagt, wichtige Entscheidungen gefällt und den BER wieder auf Kurs gebracht. Das 15köpfige Aufsichtsgremium hat sich damit klar als handlungsfähig erwiesen, die Öffentlichkeit ist vorerst beruhigt – der BER rückt wieder in greifbare Nähe.
Der geneigte Leser wird die obige Einleitung wahrscheinlich als Satire empfinden. Nur leider sind die Mittel der Satire bei diesem desaströsen Flughafenprojekt nicht mehr ausreichend – es ist purer Sarkasmus! Denn was hat der von völliger Unkenntnis gekennzeichnete Aufsichtsrat am Himmelfahrtstag eigentlich wirklich verkündet?
Er hat in seiner unnachahmlichen Weitsicht drei Weichen gestellt: einen Geschäftsführer entlassen, den Generalplaner geschasst und einen neuen Eröffnungstermin festgelegt. Toll! Möchte man sagen – aber werden diese drei Weichenstellungen den BER nun tatsächlich zum Ziel führen? Oder sind sie einfach nur weitere Sargnägel für das Fluchhafenprojekt?


Mit der Entlassung des technischen Geschäftsführers Körtgen hat man zunächst einmal ein Bauernopfer gefunden. Ob diesem armen Mann das Projekt über den Kopf gewachsen ist, er also ganz einfach ein Opfer des Peter-Prinzips wurde, mag jetzt unwichtig sein. Man wird Ersatz für ihn finden, auch wenn es schwierig wird. Denn einen mit allen Wassern gewaschenen Gesamtprojektleiter als neuen Geschäftsführer gibt es nicht an jeder Ecke. Und er wird seinen Preis haben – schließlich muß er nackt in ein Haifischbecken springen und die weisen Vorgaben des Aufsichtsrats erfüllen. Empfehlung: Hany Azer – der hatte damals das Projekt Berliner Hauptbahnhof gerettet. Aber ob überhaupt jemand von diesem Format anbeißen wird? Durch die voreiligen Entscheidungen des Aufsichtsrats sind einem potenziellem Kandidaten jedenfalls fast alle Handlungsspielräume genommen. Oder man beruft gleich Joachim Korkhaus, den flughafeneigenen Bereichsleiter Planung und Bau BER. So hatte man es ja schon beim Weggang von Weyer getan – Bereichsleiter Körtgen wurde neuer Geschäftsführer Technik – mit bekanntem Ergebnis.

Das Generalplanerkonsortium darf als nächstes Bauernopfer nun auch gleich gehen. Diese Planungsgemeinschaft (PGBBI), bestehend aus den mit internationalem Renommee versehenen Schwergewichten GMP und JSK, wurde in der Nacht der Nächte gleich gar nicht erst angehört. Abgesehen von der juristischen Durchsetzbarkeit dieser Vertragsbeendigung, zeugt diese Entscheidung von völliger Ahnungslosigkeit und Selbstüberschätzung. Denn die komplexen Planungs-, Koordinierungs und Überwachungsaufgaben auf der Baustelle sollen jetzt ganz einfach durch die Flughafenbetreibergesellschaft (FBB) übernommen werden! In kürzester Zeit – quasi übergangslos! Da staunt der Fachmann, der Laie wundert sich. Die Flughafenbetreibergesellschaft, die zum Schluß selbst keinen Durchblick mehr hatte, mutiert also über Nacht zum neuen Generalplaner und aktiviert ihre stillen Reserven an diversen Ingenieuren, Architekten und sonstigen Spezialisten – Respekt!

Dieses Ansinnen, mit den eigenen Fachleuten das Projekt doch noch zu stemmen, wird scheitern. Dieses Scheitern liegt in dem Wesen von Flughafenbetreibergesellschaften, da diese vom Grundsatz her organisatorisch als auch personell so aufgestellt sind, daß sie einen Flughafen zwar betreiben können – aber nicht selber bauen, jedenfalls nicht in diesen Größenordnungen. Dafür bedienen sich weltweit alle Flughafenbetreibergesellschaften externer Unterstützung. Auch Deutschlands größte Betreibergesellschaft, die Fraport AG, bedient sich bei großen Bauprojekten externer Ingenieurfirmen, obwohl sie selbst genug eigene Fachleute hat.

Auch die FBB hat natürlich eigene Fachleute. Sie hat sogar für den Bau des BER einen eigenen Planungsbereich geschaffen, dessen Bereichsleiter der oben genannte Herr Korkhaus ist. Diese Planungstruppe nimmt aber in der Hauptsache die Bauherrenfunktion wahr, plant im Detail nicht selber und hat anscheinend in der letzten Zeit auch den Durchblick verloren. Obwohl sie das nun geschasste Generalplanerkonsortium selbst beauftragt hat und dies auch eigentlich überwachen sollte.

Dann hätten wir noch den, bei jedem Flughafen anzutreffenden, Bereich Betriebstechnik. Diese Fachleute sind – man ahnt es – insbesondere für den reibungslosen Betrieb der gesamten Flughafentechnik verantwortlich. Dieser reibungslose Betrieb der komplexen BER-Flughafentechnik kann natürlich nur gewährleistet werden, wenn überhaupt funktionierende und dokumentierte Anlagen übergeben werden – doch dies ist zur Zeit die Ausnahme.

Falls irgendwann der BER doch noch in Betrieb gehen sollte, könnte es für den Bereich Betriebstechnik noch eng werden. Da bei der Betriebstechnik seit Jahren von der Geschäftsführung Personal abgebaut wurde – man stockte lieber die Bereiche Immobilien- und Vermietgeschäft (Real Estate, Non-Aviation) auf – wird es auch hier noch ein böses Erwachen geben.

Man kann also feststellen, daß das geschasste Generalplanerkonsortium durch eigene Fachleute nicht ersetzt werden kann. Wie äußerte sich der Berliner Büroleiter von GMP zur Vertragsbeendigung durch den FBB-Aufsichtsrat: „Es wäre dumm, wenn sie das tun würden. “

Kommen wir zur letzten Weichenstellung – dem neuen Eröffnungstermin. Auch hier überzeugt der Aufsichtsrat mit hemdsärmeligem Aktionismus. Wie ist es möglich, innerhalb kürzester Zeit, anscheinend ohne richtigen Kassensturz, ohne tiefgreifende Analyse der eigenen Situation („Wo stehen wir jetzt eigentlich?“), ohne Abstimmung mit den wichtigsten Geschäftspartnern, einen neuen Eröffnungstermin festzulegen, welcher bei Nichteinhaltung das absolut sichere Ende des BER bedeutet?

Wie ist es weiter möglich, daß ein Aufsichtsrat, der sich bisher anscheinend überhaupt nicht richtig um das Projekt gekümmert hat, demzufolge auch keine tiefgreifenden Erkenntnisse über den im Bau befindlichen Flughafen besitzt, nun innerhalb weniger Tage zu einem neuen Termin kommt? Von welchen Fachleuten hat sich der Aufsichtsrat hierzu beraten lassen? Wo sind die neuen detaillierten Bauablaufpläne für die nächsten Monate? Welchen Experten wurde hier vertraut?

Neuerdings wackelt der 17. März 2013 schon wieder. Man will sich nun bis Weihnachten (!) „endgültig“ festlegen – Planungssicherheit nach FBB-Art.

Wie man sieht, hat der BER-Aufsichtsrat mindestens zwei weitere Sargnägel eingeschlagen.